Nach den vergangenen Ereignissen rund um Demonstrationen waren die Erwartungen für die gestrige Demonstration um den Besuch von George W. Bush hier in der tschechischen Hauptstadt, sehr gemischt.
Was dem allgemeinen Klima nicht sonderlich zu Gute kam, war die Tatsache, dass die Demonstration die ursprünglich vor der Prager Burg stattfinden sollte, kurzerhand auf Befehl Bitte des Amerikanischen Aussenministeriums verboten wurde. Die Veranstalter nannten dieses Verbote, welches wenige Stunden vor offiziellem Demo-Beginn bekannt wurde, zu Recht skandalös.
Die Demonstration selber wurde dann spontan auf einen Platz verlegt, welcher ein paar hundert Meter vom ursprünglichen Veranstaltungsort entfernt liegt. Das Prozedere, Kritiker soweit zu verbannen, dass Sie nicht mehr wahrgenommen werden, ist also auch hier gut bekannt!
Als ich mich dort gegen 18:00 zum Startschuss der Demo ankam (an der übrigens auch Prags Bürgermeister teilnahm), hatten sich schon geschätzte 2000 Menschen aller Altersgruppen eingefunden und die Stimmung war auffallend gut und friedlich. Das Hauptthema der Demonstration war natürlich das geplante US Raketenabwehrsystem, welches unter Anderem auch eine Radaranlage in Tschechien vorsieht. Aber natürlich wurde die Demo auch genutzt um allgemeinem Unmut über die Amerikanische Politik Ausdruck zu verleihen. Die Ansprachen wurden leider nur teilweise bilingual gehalten, so dass mir mancher Inhalt verborgen blieb (ja, Tschechisch ist eine schwere Sprache – auch nach einem halben Jahr!).
Die Transparente waren dafür in der Regel um so eindeutiger:
Wie der erste Anschein vermuten ließ, verlief die Demo sehr friedlich und in guter Stimmung. Später wurden eigenst komponierte Anti-Bush Songs vorgetragen und mit aufgeblasenen Widerstands-Bällen eine Art Völkerball gespielt.
Vereinzelt sah man auch vermummte Gestalten (meiner Beobachtung nach primär anarchistische Gruppen). Jene blieben aber auch friedlich, als kurzerhand eine Gruppe von Kommunisten der Demo beitrat. Man stand sich gegenüber und grölte einander Parolen entgegen. Bei dieser, von einer Mischung aus Boßhaftigkeit und Witz geprägte Aktion, beließ man es jedoch auch bei Verbalem.
Auch ein Fernsehteam des ZDF kreuzte meinen Weg und interviewte direkt neben mir einen tschechischen Aktivisten. Auf meine Frage “ob man mit dem Zweiten wirklich besser sieht” antwortete der Kameramann mit einem fast selbstkritischen “Tja, das sagt man halt so, ne?!”
Die vermummte Gemeinschaft sollte dann am Ende doch noch ihren kleinen Auftritt kriegen. Als die Demo sich dem Ende neigte, setzte sich die ganze Masse auf einmal in Richtung des ursprünglich geplanten Veranstaltungsortes in Bewegung.
Wie zu erwarten, war die Straße, die den aktuellen Platz von der Prager Burg trennt abgesperrt und knappe 2 Dutzend Polizisten bewachten jene Straßensperre. Es dauerte nicht lange, bis sich die so genannten Autonomen wenige Zentimeter mit den Polizisten gegenüberstanden und nur von der Absperrung getrennt wurden, die von den sichtlich bemühten Polizisten gegengestemmt wurde.
Dann ging alles sehr schnell. Am Ende der Straße tauchten Mannschaftswagen der Eingreiftruppen auf es dauerte keine 90 Sekunden bis ein formierter Trupp von Einsatzkräften auf die Absperrung zu rannte und die sich dahinter befindliche Menge sofort stürmte.
Von dem Aufprall der Fronten fehlt entsprechendes Bildmaterial, weil ich mich zu der Zeit ungünstiger Weise relativ weit vorne befand und vom ersten Seitenhieb getrieben relativ schnell den Rückzug antrat.
Augenscheinlich von den Szenen in Rostock inspiriert, hatte man sich hier wohl entschlossen, sofort mit entsprechende Konsequenz gegen Pöbel-Horden (zu denen ich, um das hier nochmal zum Ausdruck zu bringen, nicht gehörte!) vorzugehen. Diese Taktik ging auf. Nachdem eine absolute Übermacht der Polizei den Vorplatz besiedelte verstummten nach 15 Minuten auch die letzten autonomen Gruppen und die Menge löste sich auf.
Auch wenn meine linke Rippe das kurzzeitig anders sah, kann man der Polizei hier keinen ernsthaften Vorwurf machen, denn die Strategie ging auf.
Was mich jedoch im Nachhinein stutzig machte, ist die Tatsache, dass die Eingreiftruppen komplett auf eine eigene Einschätzung der Lage verzichteten. Die Mannschaftswagen tauchten auf und aus der Ausstiegs-Bewegung der Hochgerüsteten wurde ohne Pause eine Sturm-Bewegung in Richtung demonstrierender Menge. Wie bereits erwähnt, vergingen zwischen Auftauchen der Wagen bis zum Kontakt zwischen Truppen und der Menge keine 90 Sekunden (EXIF macht’s möglich
).Sowas hätte bei einer größeren Menge an Aufgeheizten auch als arge Provokation interpretiert werden können, zu entsprechender Reaktion und zu einem anderen Ausgang führen können.
Bei dem Treffen von Bush und dem tschechischen Präsidenten Václav Klaus scheint indes nicht viel Erfreuliches entstanden zu sein. Außer weiteren Provokationen in Richtung Russland fand Herr Bush nicht viele öffentliche Worte und für die Stimme des tschechischen Volkes interessiert sich die Regierung anscheinend nicht. Statt dessen kriecht man den Vereinigten Staaten regelrecht in den Hintern.
Mehr als 2/3 der Tschechen lehnen das US Raketenabwehrsystem ab, aber Demokratie ist heutzutage ja zu einem dehnbaren Begriff geworden. Bereits letzte Woche hatten vereinzelte Dörfer auf eigene Initiative Volksabstimmungen durchgeführt und mit kommunistischen Ergebnissen gegen das Abwehrsystem gestimmt.
Die gesammte Fotostrecke gibts hier